Einfluss der L1 auf die L2 – Ergebnisse der EKP-Forschung: Seminarunterlagen

Hier sind die Unterlagen zum Seminar "Einfluss der L1 auf die L2? Ergebnisse aus der EKP-Forschung". Sie können auf dieser Seite das Handout (mit Lösungen) im PDF-Format sowie die Ergebnisse der Gruppenarbeitsphase einsehen und herunterladen.

Ich danke auf diesem Weg allen Teilnehmenden für ihre Mitarbeit im Seminar. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Download (PDF, 541KB)

Hier noch einige Punkte, die vielleicht in dem Seminar nicht ganz deutlich wurden. Ich wollte zeigen, dass man die Ergebnisse der "Hirnforschung" immer kritisch rezipieren sollte. Oft werden solche Studien als "Totschlagargumente" verwendet, wenn man aber weiß, dass diese Studien forschungsmethodisch nicht problemlos sind, dann kann man die Ergebnisse besser kontextualisieren. White, Genesee und Steinhauer (2012) ist eine wichtige Studie für DaF/Z, weil sie zeigt, dass Sprecher/innen mit logografischer "Alpabetisierung" und nicht flektierenden Sprachen durchaus in der Lage sind, Flexionsmorphologie zu lernen.

Ergebnisse der Gruppenarbeitsphase

Die Bilder der Folien werden hier doch nicht eingefügt. Somit werden Ihre Identitäten geschützt und das Passwort ist nicht nötig. Ich werde aber die wichtigsten Punkte, die wir diskutiert haben, schon einmal ergänzen, weil jetzt mein Gedächtnis noch einigermaßen frisch ist,

ELAN-Gruppe: Herangehensweise, Forschungsfragen und Versuchspersonen

Die Herangehensweise ist durchaus geeignet, die Forschungsfragen zu beantworten, da zwei Gruppen mit unterschiedlicher "Alphabetisierung" (logographisch (Chinesisch) und phonographisch (Koreanisch)) verglichen werden.

Es wurde angemerkt, dass der Testzeitraum zu kurz ist. Das stimmt. 9 Wochen sind nicht allzu lang, jedoch ist zu bemerken, dass man bei einem negativen Ausgang für die Forschenden (keine Effekte in den EKPs) Gruppen mit längerem Sprachkurs hätte testen können. Ferner müssen Sie bedenken, dass die Lernenden in Montreal lebten. Obwohl diese Stadt im frankophonen Teil Kanadas liegt, wird Englisch dort auch verstanden und gesprochen.

Abschließend merkten Sie an, dass beide Gruppen eine unterschiedliche Altersverteilung hatten und es allgemein zu wenig Versuchspersonen gab. Hier wird das Problem der aller Experimente deutlich. Sie müssen nehmen, was Sie bekommen. Das Alter ist weniger problematisch, da alle Proband/innen in einem deutlichen postpubertären Alter waren und der L1-Erwerb als abgeschlossen angesehen werden kann. Bezüglich der Zahl der Proband/innen ist anzumerken, dass Experimentalstudien allgemein wenig Versuchspersonen testen. Das hängt auch mit dem Aufwand zusammen. Allein die Vorbereitung der Versuchspersonen für ein Experiment dauert eine Stunde, da die Elektroden in der Kappe mittels eines elektrophysischen Gels mit der Kopfhaut in Kontakt gebracht werden müssen (nach der Messung ist also Haarewaschen angesagt). Aber auch Experimente haben wenig Probanden  (z.B. De Keyser, 1995; Robinson, 1996). Das ist forschungsmethodisch problematisch, aber gebräuchlich, weil unvermeidlich.

LAN-Gruppe: Sprachkurs, Stimuli und Durchführung

Sie bemängelten, dass wir keine Informationen zur L1 der Lernenden haben (das steht weiter oben: Chinesisch und Koreanisch), auch wissen wir wenig über ihre Vorerfahrungen mit anderen Sprachen (vor allem denen mit alphabetischem Skript). Auch meinten Sie, dass man eventuell Lernende aus anderen Kursen auch als Versuchspersonen nehmen sollte. Das stimmt, aber die Variable "Sprachkurs" ist so sehr gut kontrollierbar.

Natürlich wäre eine Replikation mit einer anderen Lernendengruppe interessant. Besonders fachrelevant wird es dann, wenn u.U. die von WGS berichteten Effekte ausbleiben.

Bezüglich der Durchführung haben Sie die Geschwindigkeit der Präsentation kritisiert. Jedoch ist anzumerken, dass die Proband/innen in der Klassifikationssicherheit (also in dem Prozentsatz mit dem sie richtige Sätze als richtig und falsche als falsch einstuften) sowohl vor als auch nach dem Kurs über der Ratewahrscheinlichkeit (das ist der Wert, den sie erhalten, wenn sie beliebig drücken. Er liegt bei diesem Experiment bei 0,5 oder 50%). Auch sind diese Zeiten nicht unüblich bei solchen Experimenten. Bedenken Sie, dass ein Experiment 2,5-3 Stunden dauerte. Dass die Versuchspersonen sich über diesen Zeitraum konzentrieren konnten, ist erstaunlich genug.

Die Sätze wurden wortweise präsentiert, das ist ist, wie Sie anmerkten unnatürlich, jedoch ist es der eingesetzten Methode geschuldet. Da man genau wissen muss, wann das kritische Wort mit dem Fehler verarbeitet wird, muss man die Sätze wortweise präsentieren. Alternativ könnte man auch die so genannte Eye-tracking-Methode einsetzen. Da werden die Blickrichtungen aufgezeichnet.

P600-Gruppe: Ergebnisse

Die chinesischsprachige Gruppe zeigte eine verspätete P600 mit einer Verzögerung von 250 ms. Da die chinesischen L2-Lernenden bei der Verarbeitung offensichtlich ihre durch die L1 geformten Lesestrategien anwenden. Tan et al. (2003)

Ein anderes Ergebnis der Studie ist, dass die Effektstärke der P600 (also inwieweit die Abweichung ausgeprägt ist) offensichtlich mit dem erreichten Sprachniveau (gemessen durch Noten) korreliert. Ich persönlich bin bei der Heranziehung von Noten immer ein wenig skeptisch, weil man nicht weiß, wie valide die eingesetzten Tests sind.

Relevanz für DaF/Z

1) Morphologie ist erlernbar – auch von Lernenden, deren L1-Spracherwerb abgeschlossen ist und deren L1 nichtflektierend ist.

Offensichtlich nehmen die Lernenden zumindest rezeptiv Fehler wahr. Warum sie dies u.U. produktiv nicht umsetzen können, ist eine andere Frage. Hier spielt eine Reihe von Faktoren eine Rolle, die hier aber nicht diskutiert werden sollen. Die Studie von WSG kann diese Frage nicht klären. Auch sonst wird es sehr schwer, diese Frage mittels dieser Methode zu untersuchen. Andere Methoden wären hier erfolgversprechender.

2) EKP-Forschung kann uns Einblicke geben aber nicht alle Fragen klären

Da die Effektstärke mit der Effektstärke der P600 korreliert, könnte man meinen, EKPs könnten zu Testzwecken eingesetzt werden. Davon ist allein schon aus logistischer Sicht abzuraten. Darüber hinaus hätte ein solches Vorgehen eine geringe Augenscheinsvalidität, d.h. es würde sowohl von Lernenden als auch von Lehrenden nicht als valides Messinstrument angesehen und akzeptiert.

Wie schon im vorherigen Punkt beschrieben, können Produktionsexperimente nur schwer mittels der Methode umgesetzt werden.

Literatur

DeKeyser, R. M. (1995). Learning second language grammar rules. An experiment with a miniature linguistic system. Studies in Second Language Acquisition, 17, 379–410.

Robinson, P. (1996). Learning Simple and Complex Second Language Rules Under Implicit, Incidental, Rule-Search, and Instructed Conditions. Studies in Second Language Acquisition, 18, 27–67.

Tan, L. H., Spinks, J. A., Feng, C., Siok, W. T., Perfetti, C. A., Xiong, J., Fox, P. T. & Gao, J.-H. (2003). Neural systems of second language reading are shaped by native language. Human Brain Mapping, 18, S. 158–166.

 

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